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OS-Wars III: Das Imperium schlägt zurück

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Obwohl OS/2 eine gemeinsame Anstrengung von IBM und Microsoft war, machte Bill Gates' Unternehmen nie große Anstalten, das Betriebssystem zu vermarkten. Zwar verwiesen Gates und Ballmer immer wieder darauf, dass OS/2 das Betriebssystem der Zukunft sei, im Hintergrund arbeiteten sie aber an Windows weiter.

1992 kam es dann zur offenen Bruch zwischen den beiden Unternehmen. Microsoft begann mit der Entwicklung von Windows NT, das auf jene Teile von OS/2 basierte, die bei Microsoft geschrieben wurden. Parallel dazu wurde das DOS-basierte Windows 3 und später Windows 95 weiterentwickelt mit dem Ziel beide Betriebssystemvarianten im Jahr 2000 zu einem System, das alle andere schlägt, zusammen zu führen (dies gelang aber erst Ende 2001 mit Windows XP).

Orwell irrte um 11 Jahre

1995 kam es zum großen Paukenschlag: Microsoft stellte Windows 95 vor. Ganze Menschenschlangen stellten sich um Mitternacht an, um eine Schachtel zu ergattern. Microsoft kaufte einen Großteil des Seitenumfangs von Time-Magazine auf, um das neue Betriebssystem zu bewerben. Es war der größte Start eines Softwareproduktes in der Geschichte der Menschheit!

Damit wurden alle Konkurrenten mit einem Schlag obsolet. Sämtliche DOS-Varianten verwitterten wegen ihrer technologischen Unterlegenheit ziemlich rasch. Außerdem konnte man DOS-Anwendungen unter Windows 95 in einem Fenster ausführen.

GEM und GeoWorks konnten gegen die Knebelverträge, die Microsoft mit PC-Herstellern abschloss nicht mithalten und verschwanden in der Bedeutungslosigkeit.

Mexican Standoff

Mit Windows 95 eroberte Microsoft den Desktop

NeXT stellte die Herstellung von Hardware ein und konzentrierte sich nur noch auf die Entwicklung des Betriebssystems NeXT-Step, das mittlerweile auf die x86-Plattform portiert worden war. Langsam wuchs auch ein weiterer Geschäftszweig: eine seltsame Sache namens "Internet" verlangte nach Online-Shop-Lösungen. Mit "WebObjects" brachte NeXT ein erfolgreiches, objektorientiertes Webentwicklungsprodukt auf den Markt.
BeOS kämpfte idealistisch weiter, klagte Microsoft, gewann genug Geld um weiter zu leben und wurde Schlussendlich vom Organizerhersteller Palm aufgekauft. Palm machte aber rein gar nichts mit dem geistigen Eigentum von Be. Mittlerweile ist auch Palm ein Konkurskandidat.

Atari und Commodore meldeten Konkurs an. Dies lag zum einen an der Übermacht von Microsoft, aber auch an Fehlentscheidungen des Managements.

Ebensolche plagten auch Apple. Die Plattform stagnierte und drohte immer mehr zum reinen Nischen-Produkt zu verkommen. Nach der Einführung von Windows 95, das eine sehr ähnliche Umgebung hatte wie Mac OS, konnten auch die hohen Verkaufspreise der Macintosh-Computer nicht mehr rechtfertigt werden. Wegen seiner prall gefüllten Kriegskassa konnte Apple zwar die mageren Jahre überdauern, sein Geschäftsmodell und seine Produkte schienen aber überholt zu sein. Apple brauchte ein neues, modernes Betriebssystem, eine Mission und eine Vision. Ihm fehlte ein charismatischer Anführer, der das marode Unternehmen aus dem schwarzen Loch herausführen konnte, in dem es sich befand.

Ende 1996 kaufte Apple den Konkurrenten NeXT auf. Damit kauften sie nicht nur eines der modernsten Betriebssysteme der Welt (NeXT-Step), sondern auch gleich Apples eigenen Mitbegründer Steve Jobs ein. Mit einem Schlag hatte das Unternehmen seinen neuen Anführer und fünf Jahre später ein neues Betriebssystem: Mac OS X.

Heute der Desktop, morgen die ganze Welt!

Microsoft legte 1995 die Grundsteine zu seiner jetzigen Position am Softwaremarkt. In diesem Jahr gewann das Unternehmen die Aufmerksamkeit und die Herzen der Computer-User. Ganz gleich, ob die Kritik am Unternehmen berechtigt ist oder nicht, der Software-Riese aus Redmond gab dem PC ein einheitliches Gesicht. Windows 95 und seine Nachfolger bildeten eine standardisierte Plattform, auf der Hard- und Software-Hersteller aufbauen konnten.
1995 schien Bill Gates Vision tatsächlich wahr zu werden: Er wollte einen PC auf jedem Schreibtisch.

Lese-Tipp: "In the Beginning was the Command Line"

Der Science-Ficiton-Autor Neal Stephenson ist vor allem bekannt für seinen Cyberpunk-Roman "Snow Crash", in dem er einen Sprachvirus beschreibt, der sowohl Computer als auch Menschen befällt; seinen Entwicklungsroman "The Diamond Age", in dem er Nanotechnologie und Neo-Viktorianische Kultur zusammenschmelzen lässt und "Cryptonomicon" in dem er die Wurzeln eines US-Startups der späten 90er-Jahre auf die Informationskriegsführung um die Kryptologen im Zweiten Weltkrieg zurückführt.

In seinem Text "In the Beginning was the Command Line" beschreibt er die Situation der Betriebssysteme Ende der 90er-Jahre. Microsoft dominiert, Apple stagniert und Linux floriert.

Online-Fassung von "In the Beginning was the Command Line":
http://www.cryptonomicon.com/beginning.html

Eine schlecht übersetzte Deutsche Fassung ist unter dem Titel "Die Diktatur des schönen Scheins" erschienen. Dies wird an dieser Stelle allerdings nur der Vollständigkeit halber erwähnt und stellt keinefalls eine Empfehlung dar - die Englische Fassung ist unendlich unterhaltsamer!)

Fleißaufgabe

Lesen Sie den Text und überlegen Sie sich, in welchen Punkten Stephensons Essay aus dem Jahre 1999 überholt ist. Senden Sie Ihr knappes Feedback an info@marincomics.com

Überlegen Sie, warum Stephenson davon schreibt, dass die Schreibtisch-Metapher bei grafischen Benutzeroberflächen eine "kaputte" Metapher sei. Sehen Sie selbst sich als Morlock oder als Eloi? Was ist der Hole-Hawg der Betriebssysteme?

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